Haben Sie schon einmal vor einem riesigen Orchester-Template gestanden und waren völlig ratlos? Oder haben Sie umgekehrt vor einem leeren Projekt gesessen und empfanden allein die Auswahl des ersten Klangs als so mühsam, dass Ihr Denken zum Stillstand kam?
Die Erstellung von Templates in einer DAW ist für uns Musikschaffende wohl eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Aufgaben. Viele haben sicher schon das Paradoxon erlebt, dass genau die Umgebung, die eigentlich zur Effizienzsteigerung eingerichtet wurde, ab einem gewissen Punkt beginnt, die Kreativität zu bremsen.
Wenn man ein „festungsartiges“ Template erstellt, in dem alle Instrumente vorab geladen und Routing- sowie Effektketten finalisiert sind, bietet das sicherlich ein Gefühl der Sicherheit. Gleichzeitig kann es jedoch zu einer schwerfälligen Existenz werden, die lange Ladezeiten erfordert, Änderungen nur mit Überwindung zulässt und einen wie Fesseln bindet. Andererseits ist der Stil, bei dem man Instrumente und Plugins erst bei Bedarf lädt, zwar flexibel und leichtfüßig, aber der Aufwand für das ständige Einrichten kann die kreative Hitze zweifellos abkühlen.
Wie sollte man die Produktionsumgebung im Spannungsfeld zwischen Zeitdruck und Qualität optimieren? Über diese praktische, aber schwer zu beantwortende Frage habe ich in den letzten Tagen intensiv mit einer KI diskutiert („Sparring“) und dabei mein Template weiterentwickelt. Dieser Artikel zeichnet diese Überlegungen und den Weg der Template-Konstruktion nach.
Überlegungen zur Konstruktion von Cubase-Templates
Ursprünglich suchte ich nach der „funktional richtigen Antwort in Cubase“ oder nach einem „sicheren Ansatz, den viele Profis wählen“. Doch im Laufe der Überlegungen entwickelte sich die Diskussion mit der KI in eine unerwartete Tiefe. Sie begann bei realistischen Problemen wie Speicherverwaltung und CPU-Auslastung, führte aber bald zu einer Designphilosophie darüber, „wie man Zeit vorausschiebt“, und schließlich zur „Notwendigkeit der Selbstzerstörung im Schaffensprozess“ – eine seltsame und anregende Erkundung.
Zunächst habe ich die zwei Hauptansätze der Template-Erstellung unter dem Begriff der „Zeit“ neu bewertet.
Der erste Ansatz nutzt die Cubase-Funktion „Spur deaktivieren“ (Disabled Tracks). Dabei werden alle Instrumentenparts im Voraus platziert, aber deaktiviert, sodass sie bis zum Gebrauch schlafen – man baut also eine „statische Festung“. Anders ausgedrückt ist dies eine Methode, bei der „die Kosten für zukünftige Entscheidungen und Auswahlprozesse im Voraus bezahlt werden“ (das zukünftige Ich leiht sich etwas vom gegenwärtigen Ich).
Der zweite Ansatz nutzt „Spur-Presets“. Dies ist ein „dynamischer Werkzeugkasten“, bei dem man benötigte Instrumentenparts erst bei Bedarf über die Spur-Preset-Funktion aufruft. Dies ist eine Methode, die „die intuitive Eingebung des Augenblicks (das gegenwärtige Ich) respektiert“.
Zusätzlich gibt es eine dritte Perspektive: die Nutzung der Funktion „Spuren aus Projekt importieren“. Dies ist nicht nur eine Technik zur Zeitersparnis, sondern ein Ansatz, der „vergangene Erfolgserlebnisse (die eigene Geschichte)“ mitsamt ihrem Kontext in das aktuelle Projekt holt.
Wenn man es so betrachtet, bemerkt man, dass wir Kreative nicht einfach nur Spuren verwalten. Wir entwerfen vielmehr, wie wir die verschiedenen Zeitachsen – „Vergangenheit (Archiv)“, „Gegenwart (Preset)“ und „Zukunft (deaktivierte Spuren)“ – innerhalb der DAW anordnen und verbinden. Ausgehend von dieser Erkenntnis hat sich mein ideales Template-Bild als eine Struktur (Architektur) organisiert, die aus den folgenden Schichten (Layern) besteht.
Layer 1: The Context (Der Kontext)
Dies ist die tiefste Ebene, in der keine Instrumente existieren, sondern nur „Klangraum und Informationsdesign“. Hier existiert lediglich das Mixing-Konzept.
Konkret besteht dieser Zustand nur aus Gruppenkanälen wie Strings Bus, Brass Bus, Synth Bus sowie Effektkanälen (FX) für IR-Reverb, Sättigung und Dynamik. Es ist sozusagen der Bauplan für den „Ausgang“ und den „Raum“ des Mixes. In meinem Fall sind beispielsweise direkt nach dem Öffnen des Projekts nur Gruppenkanäle wie Orchestra Bus, Synth Bus, Audio Files Bus und eine Gruppe von Reverb-Effektspuren aktiv; es ist keine einzige Instrumentenspur geladen (da sie deaktiviert sind).
Layer 2: The Cast (Vergangenheit/Geschichte)
Dies ist eine Schicht, die aus vertrauenswürdigen Instrumenten-Archiven (Spuren) besteht, die mitsamt ihrem Kontext aus früheren Projekten transplantiert werden.
Konkret nutze ich die Funktion „Datei > Importieren > Spuren aus Projekt“, um verschiedene Spurengruppen mitsamt ihren Klangfarben, Effekten, EQ- und Routing-Einstellungen aus vergangenen Projektdateien abzurufen und bei Bedarf in das Template zu integrieren. Da Cubase über einen Mechanismus verfügt, mit dem beliebige Spurengruppen innerhalb eines Projekts inklusive ihres Routings importiert und wiederverwendet werden können, werden vergangene Werke (die eigene Geschichte) sofort zu einem kreativen Vermögenswert.
Layer 3: The Potential (Zukunft/Potenzial)
Diese Schicht ist normalerweise unsichtbar, da sie durch die Funktion „Spur deaktivieren“ stillgelegt ist, bildet aber die „grundlegende Instrumentenbesetzung“. Mit einem einzigen Befehl wird das Benötigte aktiviert und erscheint.
Konkret fallen darunter häufig genutzte Pianos, Orchesterinstrumente, Pad-Synths, Bass und grundlegende Drum-Sets. Diese werden vorab im Projekt platziert, mit grundlegenden EQ-, Insert-Effekt- und Routing-Einstellungen versehen und dann „deaktiviert“ sowie „ausgeblendet“, sodass sie mit null CPU-Last bereitstehen.
In meinem Template befinden sich beispielsweise im Strings-Ordner bereits die Spuren „Vln I / Vln II / Vla / Vc / Cb“. Auch allgemeine räumliche Einstellungen wie EQ, Reverb, Ghost Rooms und Bleeding (Simulation von Mikrofonübersprechen) sind bereits vorgenommen, aber im Initialzustand sind alle deaktiviert und nicht in der Spurliste sichtbar. In dem Moment, in dem ich denke: „Diesmal brauche ich Streicher“, aktiviere ich einfach den gewünschten Part und er ist sofort spielbereit.
Fehlt diese Schicht, muss man jedes Mal Instrumente von Null auf laden und diverse Einstellungen sowie das Klangfelddesign vornehmen, was enorme Zeit- und Kognitionskosten verursacht. Daher ist es wichtig, sich auf zukünftige Entscheidungen angemessen vorzubereiten – also die Kosten im Voraus zu bezahlen (das zukünftige Ich macht eine „Anleihe“ beim gegenwärtigen Ich).
Layer 4: The Texture (Gegenwart)
Diese Schicht besteht aus einer flexiblen, leichtfüßigen Farbpalette von Instrumenten-Templates (Spuren), die spontan hinzugefügt werden.
Konkret wird hierfür die „Spur-Preset-Funktion“ genutzt, die per Drag & Drop aus der MediaBay geladen wird. One-Shot-Audiodateien, ausgefallene Synths und spezielle Effektketten werden so verwaltet, dass sie bei Bedarf abgerufen werden können.
Eine weitere Ebene
Dank der Zusammenarbeit mit der KI könnte man sagen, dass die Struktur bis hierhin ein angemessen rationales und relativ vollständiges Template darstellt. Doch am Ende dieser Überlegungen stieß ich auf das Paradoxon, dass „ein hoher Vollendungsgrad ein Risiko darstellt“.
Wenn die Perfektion eines Systems (Struktur) ein gewisses Maß erreicht, neigen Kreative dazu, sich in den darin latent vorhandenen Gewohnheiten und Ticks einzurichten, ohne es zu merken. Das führt dazu, dass der Atem der Kreativität flacher wird – was die Möglichkeiten für Entwicklung und Erneuerung einschränken kann. Zwar steigt die Produktionseffizienz, aber die Beziehung zur eigenen Klangwelt wird sich unvermeidlich verfestigen, und als Folge davon könnte es schwierig werden, neue Musik entstehen zu lassen.
Aus diesen Gründen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die folgende „fünfte Schicht“ für diese Template-Architektur unverzichtbar ist.
Layer 5: The Rupture (Bruch/Zerstörung)
Dies ist eine Schicht, die dazu dient, das Werk während der Produktion absichtlich zu erschüttern oder zu zerstören.
Konkrete Beispiele sind:
- Anwendung von Makros im Logischen Editor (Logical Editor), um Panning, Velocity oder Tonhöhe zu verändern oder zu randomisieren.
- Erzwungenes Routing auf einen „Schmutz-Bus“, der Bitcrushing oder Manipulationen des Frequenzgangs durchführt.
- Nutzung von Makros, um Effekte wie Raumbehandlung zu umgehen (Bypass) oder Parameter auf Extremwerte zu setzen.
Die Idee ist, Schaltkreise einzubauen, die absichtlich Fehler und Rauschen im System erzeugen – also Vorrichtungen, um die „prästabilierte Harmonie“ zu stören. Dazu gehört das Einbringen von Zufälligkeit oder gewaltsamen Regeln in MIDI-Parameter oder das bewusste Einspeisen von Signalen in Busse mit exzentrischen Einstellungen.
In der Praxis wird dies nicht unbedingt kurz vor der Vollendung auf das gesamte Stück angewendet. Schon kleine Eingriffe, wie das Auswählen einer Phrase eines bestimmten Parts für einige Takte und das zufällige Streuen der Velocity mit dem Logischen Editor oder die zufällige Auswahl einer Skala mit der Transpositionsfunktion im Key-Editor, können einen ausreichenden Reiz bieten.
Es ist ein Mechanismus, um die Produktionsumgebung – die man mit einem schön gepflegten Atelier oder Garten vergleichen könnte – mit eigenen Händen zu verwüsten. Ziel ist es, die Produktion aufzuwühlen und eine Transformation hin zu einer neuen „Beziehung der Klänge“ zu bewirken.
Abschließende Gedanken
In dieser Betrachtung blieb das Template letztlich nicht bloß ein „Werkzeug für schnelleres Arbeiten“. Es ist ein Gerüst, um den Abstraktionsgrad des Denkens ohne Zögern zu heben und zu senken, und eine Art Begleiter, der einen manchmal verrät, um einem eine andere Landschaft zu zeigen.
Aus diesem Grund habe ich vor, nicht mehr nur die bloße Effizienz anzustreben, sondern das Template parallel zur Werkerschaffung weiter aufzubauen und zu verfeinern – so als würde ich ein neues Haus innerhalb von Cubase bauen, um den Atem der Kreativität nicht stocken zu lassen.
Es mag ein etwas seltsames Haus werden, eines mit stabilen Säulen, in dem aber ein Hammer bereitliegt, um jederzeit die Wände einzureißen – aber vielleicht wird es ein Haus, in dem man lange leben kann.
