Erschüttert vom Standhaften

Essays

(Ersterscheinung: 5. August 2006)

Ich zähle es zu meinen Freuden, Tag und Nacht allein mit dem Auto unterwegs zu sein. Die vorbeiziehenden Landschaften inspirieren mich, während ich mich mit einem halben Fuß in imaginäre Welten begebe – abstrakte, konkrete, dies und das –, und auf einsamen Landstraßen oder gebirgigen Wegen fahre, fernab von anderen Fahrzeugen oder Menschen.

Eines Nachts, während ich eine Bergstraße entlangfuhr, erschien plötzlich in der geöffneten Sicht vor mir ein riesiger Schatten, scheinbar ein gigantischer Roboter von mehreren Dutzend Metern Höhe, mit leuchtend roten Augen.

Es stellte sich heraus, dass es lediglich ein Hochspannungsmast mit einer Lichtquelle an seiner Spitze war. Und doch strahlte dieses Gebilde eine unbestreitbare, erhabene Präsenz aus, die mich zugleich überwältigte und in mir eine unbestimmte Angst und Beklommenheit hervorrief.

Zunächst dachte ich, es sei eine Art „Wille des Erschaffers“, der sich in dieser menschengemachten Form manifestierte – im Gegensatz zur Ehrfurcht, die wir gegenüber der Natur empfinden.

Doch diese Erklärung schien mir nicht auszureichen. Ich betrachtete meine Eindrücke erneut und kam zu folgendem Gedanken:

Ein Hochspannungsmast ist ein Artefakt, das durch das Zusammenwirken zahlloser menschlicher Köpfe und Hände unter dem Imperativ gesellschaftlicher Infrastruktur erschaffen wurde – er ist, wenn man so will, ein Ausdruck des kollektiven Willens zur zivilisatorischen Fortentwicklung.

Infolgedessen wird der Mast zu einem Symbol, das über die einfache Beziehung von Schöpfer und Schöpfung hinausweist, ein Zeugnis eines größeren Willens, das sich in seiner Gestalt offenbart.

Im Gegensatz zu anderen großen Infrastrukturen zeigt sich der Mast menschenleer, still, beinahe unbewegt – er steht einfach da.

Der riesige Roboter mit den glühend roten Augen, der so still und würdevoll verweilt, scheint etwas zu beobachten, zu wachen. Und in dieser Haltung fühlte ich, als ob sich stille Gedanken und Energien vieler Menschen in ihm sammelten.

Diese Erscheinung verweigerte sich jeder simplen Wertung von Gut oder Schlecht, und gerade deshalb, weil sie nur dasteht, als Zeugnis menschlicher Tätigkeiten, war sie so überwältigend – so furchteinflößend.

Wie stark und erschreckend ist das Sein dessen, der sich weder zur Schau stellt noch beklagt, weder ablehnt noch Probleme aufzeigt, sondern einfach dort steht, um von seiner bloßen Existenz zu künden. Und wie groß ist das, was er symbolisiert –!

Diese Erfahrung erinnerte mich daran, dass das, was uns erschüttert, oft aus einer vollkommen unerwarteten Richtung kommt.

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Profil      

Komponist Masaharu. Erschafft experimentelle Crossover-Musik, die auf Jazz und klassischer Musik basiert.

Mit seiner Erfahrung in der Komposition von Bühnen- und Videospielmusik strebt er danach, Musik mit einer starken Erzählung zu schaffen.
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